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Vereinsleben

Der Traum von Olympia 2024

Warum Pablo Broszio jetzt für Panama turnt und mit seinem Vater an einer internationalen Karriere arbeitet

Für Vater Jan Broszio ist es der Beweis, dass im Leben irgendwie doch alles möglich ist. „Man muss nur dran glauben“, sagt er und schaut auf seinen Sohn Pablo, der noch immer voller Eindrücke einer neuen Welt ist. Pablo, 16, ist ein guter, ein talentierter Turner aus Grohn. Er turnt mit dem Team von 1860 Bremen in der Landesliga, als Einzelkämpfer noch für Buchholz 08. Aber die Perspektive, die sich ihm jetzt plötzlich öffnet, wäre Pablo Broszio unter normalen Umständen verschlossen geblieben. Denn die Möglichkeit, bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen zu starten, ist auf einmal ganz real geworden. Oder, um es mit den Worten seines Vaters zu sagen: „Wenn du so eine Chance bekommst, dann sagst du nicht Nein, sondern greifst einfach zu.“
Und so ist die Geschichte der Familie Broszio eine Story, die am Ende ein ganz fettes Happy End bereithalten könnte. Denn Pablo hat nicht nur die deutsche Staatsangehörigkeit, sondern auch die panamaische. Dank seiner Mutter Michele, die in Panama geboren ist, der Liebe wegen aber schon lange in Deutschland lebt und mit Jan Broszio verheiratet ist. Und weil Pablo eben ein sehr talentierter Turner ist, es in Deutschland aber vermutlich nicht bis in die Nationalmannschaft schafft, kamen Vater und Sohn auf eine verwegene Idee: die Turn-Nationalmannschaft in Panama.

Jan Broszio googelte sich durch die panamaische Turn-Geschichte und bat schließlich einen Vizepräsidenten des Deutschen Turner-Bundes (DTB) um Hilfe. „Der kannte sich als Argentinier mit Turnen in Mittel- und Südamerika aus“, erzählt Broszio. Und weil das Leben eben auch Glückssache ist, stellte sich heraus, dass der DTB-Vize gerade in Panama zu Besuch war. Also schickte Broszio der Turn-Präsidentin des Verbandes eine Mail. Der Inhalt in Kurzform: Weil die Familie Broszio Weihnachten 2018 ohnehin in Panama verbringe, wolle er den Sohnemann gerne mal vorturnen lassen. Dann aber kam erst mal nichts. Broszio kennt das, er war schließlich schon etliche Male bei der Familie seiner Frau in Panama. „Das geht dort oft so nach dem Motto: ,Kommste heute nicht, kommste morgen‘.“ Als aber auch übermorgen noch nichts kam, schrieb er noch mal – und bekam endlich eine Antwort.

Und wieder war das Glück auf der Seite der Familie Broszio. Der Mann der Turn-Präsidentin ist gleichzeitig Vizepräsident des Olympischen Komitees von Panama, die Tochter war 2016 die bislang einzige Turnerin, die für Panama jemals an Olympischen Spielen teilnahm. „Irgendwie hängt das alles zusammen“, erkannte Broszio. Und bekam die Nachricht, dass man sich freue, Pablo an den Geräten turnen zu sehen. Also packte der 16-Jährige im Dezember 2018 nicht nur T-Shirts und Shorts in den Koffer, sondern schulterte auch noch seine Sporttasche.

Am 24. Dezember standen Vater und Sohn dann vor einer Fabrikhalle in Panama-Stadt, mitten in einem Industriegelände. Und während seine Freunde in Bremen gerade unter dem Weihnachtsbaum ihre Geschenke auspackten, ging es für Pablo in einer schwülwarmen Halle zum Vorturnen. Der panamaische Trainer jedenfalls hatte seine Freude an dem deutschen Turner, „der hat mich ganz schön rangenommen“, erzählt der 16-Jährige. Denn während das Training in Bremen (meistens mit Vater Jan) so um die zweieinhalb Stunden dauert, war in Panama nach zwei Stunden gerade mal das Aufwärmprogramm vorbei. „Dann erst ging es an die Geräte“, beschreibt Pablo Broszio seinen ersten Turn-Tag in Panama. Als nach über vier Stunden die Einheit beendet war, ging auch Pablo in die Knie. „Der Trainer wollte Pablos Grenzen austesten“, erzählt Vater Jan.

Das schaffte er tatsächlich, aber der 16-Jährige bestand den Test. Und was vielleicht noch wichtiger war: Er fand sofort einen Draht zum Trainer. Vielleicht lag es an der Sprache (Pablo spricht fließend Spanisch), ganz sicher auch an seinen Leistungen. Und natürlich am Durchhaltevermögen. Jan Broszio ist sich sicher: „Bei mir im Training hätte Pablo nach drei Stunden gesagt: ,Danke, das war’s!‘ Aber das ging in Panama natürlich nicht.“ Der Schweiß zahlte sich aus, Pablo Broszio turnte noch zwei weitere Male vor dem panamaischen Verband. Und was er dann hörte, macht den Vater noch immer stolz. „Sie haben ihn in Panama unter die besten vier Turner eingestuft“, erzählt er.

Plötzlich ist der Traum von der internationalen Karriere keine Illusion mehr. Denn jetzt geht es Schlag auf Schlag. Für Ende Juni sind die Jugend-Weltmeisterschaften in Ungarn anberaumt. Ein Datum, das Vater und Sohn Broszio fest in ihren Köpfen haben. Um die Teilnahme mit Panama zu schaffen, müssen beide jetzt erneut über den Atlantik nach Mittelamerika fliegen. Am 27. April finden dort die Landesmeisterschaften statt – natürlich mit den Broszios. Der Verband vergibt jeweils einen Platz für Jungen und Mädchen. „Das wird nicht leicht“, sagt Pablo. Denn er weiß jetzt auch, wie stark seine Konkurrenz in Panama ist. Über Instagram steht er mit einem anderen Turn-Talent aus Panama in Kontakt, beide schicken sich ab und an Videos aus dem Training. Und auch der Trainer hält Pablo in Grohn auf Trab, denn Trainingsinhalte oder Anforderungen trudeln regelmäßig per Mail ein.

Die Akribie des panamaischen Turn-Verbandes ist kein Zufall, denn die Funktionäre halten sich streng an die Olympia-Standards der USA. Und denen liegt ein klarer Vier-Jahres-Plan zugrunde, an dessen Ende die Olympischen Spiele 2024 in Paris stehen. „Panama ist sehr daran interessiert, langfristig eine Mannschaft aufzubauen“, sagt Jan Broszio. Turnen sei in Panama ohnehin ein eher elitärer Sport, der sich privat finanziert und in dem eigentlich mehr Mädchen als Jungen gefördert werden. Aber wenn dann plötzlich ein talentierter Junge aus Deutschland auftaucht und den Funktionären einen panamaischen Pass unter die Nase hält, dann denken sie auch in Mittelamerika schon mal um. Doch bei allem sportlichen Ehrgeiz hat die ganze Panama-Geschichte für Familie Broszio natürlich auch eine familiäre Ebene. „Pablo hat jetzt eine ganz neue Identifikation mit der Heimat seiner Mutter“, erzählt Vater Jan. „Mama freut sich sehr“, sagt Pablo. Denn egal, wie dieses Abenteuer auch irgendwann mal endet – Pablo Broszio aus Grohn hat schon jetzt Turn-Geschichte in Panama geschrieben.

VON MATHIAS SONNENBERG
Weser-Kurier, Ausgabe 02.04.2019, Seite 27