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Vereinsleben

Ein Hoch auf den Reha-Sport

Bremer Vereine stoßen auf großes Interesse, doch die Zahl der Teilnehmerplätze ist begrenzt

Die sinkenden Mitgliederzahlen in Sportvereinen haben ihre Gründe: Unter anderem darin, dass Jugendliche teils bis in den späten Nachmittag die Schule besuchen, dass Menschen Scheu davor haben, Verträge abzuschließen und auch, weil bei einigen die Haushaltskasse knapp bemessen ist. Vereine nehmen diese Veränderungen an und finden zunehmend im Reha-Sport, der durch die Sozialversicherungsträger auf ärztliche Verschreibung hin bezahlt wird, einen teilweisen Ausgleich für schwindende Mitgliederzahlen. Die Sozialversicherungsträger fanden Partner dafür, Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder Belastungen wieder an eine gesundere Lebensweise und Bewegung ­heranzuführen. Allein der Verein Bremen 1860 aus Schwachhausen bietet 61 Reha-Sportgruppen an. Bei Impuls aus Hastedt sind es etwa 20 Gruppen, ebenso beim Turn- und Sportverein Osterholz.

Bei den drei genannten Vereinen besteht eine große Nachfrage, die kaum gedeckt werden kann. Dass nicht mehr Reha-Sportgruppen eingerichtet werden können, selbst wenn Hallenzeiten zur Verfügung stehen, liegt auch daran, dass Trainer eine aufwendige Zusatzausbildung für die entsprechende Lizenz brauchen und die Kosten dafür von den Vereinen kaum übernommen werden können. Oder aber Zusatzbedingungen, wie bei Reha-Herzgruppen, bei denen ein Arzt beim Training anwesend sein muss, verhindern weitere Gruppen.

Anders als bei Vereinsmitgliedern bekommt der Verein beim Reha-Sport keinen Monatsbeitrag, sondern nur dann Geld von der Kasse, wenn die Teilnahme an einem Termin vom Patienten abgezeichnet wurde. Reha-Sportgruppen sind in der Mitgliederzahl begrenzt, meistens auf 15 Teilnehmer. Kommen mindestens zehn Teilnehmer zusammen, bekommt der Verein bei einer orthopädischen Gruppe etwas mehr als fünf Euro pro Teilnehmer, gibt der TSV Osterholz an. Bei einer Herz- oder Aquagruppe sind es 7,50 Euro. Die Hallenmieten, bei Wassergymnastik das Bad, der mit spezieller Zusatzausbildung geschulte Trainer, Sportgeräte und Buchhaltung sowie der bei einer Herzgruppe anwesende Arzt müssen vom Verein bereitgestellt und bezahlt werden.

Stephanie Brunzel, Geschäftsführerin beim Osterholzer Turn- und Sportverein: „Die Ausbildungen der Trainer können wir davon nicht unterstützen“. Da die Warteliste für Aquasport des Osterholzer Vereins schon sehr lang ist, muss Brunzel Menschen mit Verordnung ­bitten, andernorts nachzufragen. Wolfgang ­Rasic vom Behindertensportverband Bremen meint, dass es gerade beim Aqua-Reha-Sport in Bremen nirgendwo besser ­aussehe.

Der Verein Bremen 1860 weist wie die anderen Klubs darauf hin, dass er auf Ärzte angewiesen ist, die ehrenamtlich 45 bis 60 Minuten zu regelmäßigen Zeiten in die Hallen kommen, sonst könne kein Reha-Herztraining stattfinden. Es sei schwer, Ärzte für diese Aufgabe zu gewinnen. In Osterholz ist es seit Jahren eine einzige Ärztin, die dem Verein und den Reha-Patienten den Sport ermöglicht.

Wolfgang Rasic hält sich für den Behindertensportverband Bremen an bundesweite Richtlinien, die durch ein Gremium von Lehrwarten für die Reha-Sport-Ausbildungen festgelegt werden. Mit einer Sportlehrer- oder Physiotherapeuten-Ausbildung ausgestattet, könne in 90 Lehreinheiten eine zusätzliche Reha-Lizenz erworben werden. 90 Lerneinheiten können in einer Woche geschafft werden und kosten in Bremen etwa 700 Euro. In anderen Bundesländern seien es auch mal 1300 Euro, so Rasic. „Dafür müssen Dozenten nach Bremen geholt, untergebracht und Hallen gemietet werden“, sagt Rasic. So seien etwa 80 Teilnehmer im vergangenen Jahr ausgebildet worden. Die erworbenen Lizenzen müssen sie alle vier Jahre mit einem kleineren Kurs erneuern, bei Innerer Medizin alle zwei Jahre. Rasic weiß um die finanziell angespannte Lage der Vereine in Bremen und bundesweit, hält aber Bremer Vereine für stärker betroffen, weil andere Bundesländer ihre Sportvereine zum Beispiel mit Beteiligungen an Hallenmieten unterstützten, Bremen aber kaum. „Die Kassen sollten es für Vereine attraktiver machen“, fordert Stephanie Brunzel, die sich als Geschäftsführerin genau überlegen muss, ob sich ihr Verein eine weitere Reha-Sport-Gruppe leisten kann, selbst wenn Trainer zur Verfügung stünden.

Brunzel kann Zusatzausbildungen nicht finanzieren und versteht, dass Reha-Sport-Trainer mehr fordern als normale Vereinstrainer. Allerdings wachsen die Verdienstmöglichkeiten für hoch spezialisierte zusätzlich Physiotherapeuten in Bremen durch beschnittene Leistungen und geringe Unterstützung des Landes Bremen nicht in den Himmel. Für Patienten ist es eine bittere Pille, wenn sie nach durchlebter Krankheit und auf dem Weg zur Genesung Reha-Sport genehmigt bekommen, aber kaum einen Teilnehmerplatz in einer Gruppe finden.

VON EDWIN PLATT
Stadtteilkurier, Ausgabe 06.09.2018, Seite 3